Frau Schriever, im März 2025 hat die EU-Kommission ihre Mitteilung zur geplanten Europäischen Spar- und Investitionsunion (SIU) vorgestellt. Wie beurteilen Sie die Pläne – insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit?
Die Europäische Savings and Investment Union ist aus Sicht des DSGV eine wichtige Chance, die Entwicklung der Wirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit und Digitalisierung voranzutreiben. Europa kann seine Zukunftsfähigkeit nur sichern, wenn es mutig in seine Wettbewerbsfähigkeit investiert – in Infrastruktur, Innovation, digitale Unabhängigkeit und Verteidigungsfähigkeit. Dabei dürfen Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit nicht gegeneinander ausgespielt werden. Eine nachhaltige, klimafreundliche Wirtschaft ist das Fundament für den Wohlstand von morgen und übermorgen.
Wie genau soll die geplante Spar- und Investitionsunion die Entwicklung der Wirtschaft vorantreiben?
Um die notwendigen Investitionen zu finanzieren, muss dringend mehr privates Kapital mobilisiert werden. Bisher werden rund 70 Prozent der Ersparnisse privater Haushalte als Bankeinlagen gehalten – rund 10 Trillionen Euro! Für die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft in Europa ist das ein enormes Potenzial. Insbesondere der Mittelstand als Rückgrat wirtschaftlicher Entwicklung in vielen Ländern Europas muss dabei gestärkt werden. Deshalb braucht es neben der Förderung der Kapitalmarktfinanzierung auch eine Stärkung der klassischen Kreditfinanzierung, die beide jeweils unterschiedliche Zielgruppen und Bedürfnisse bedienen. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen bleibt die klassische Kreditfinanzierung essenziell.
Welche Vorteile bietet die Spar- und Investitionsunion für die Bürgerinnen und Bürgern?
Eine stabile Wirtschaft sichert den Wohlstand aller. Die Bürgerinnen und Bürger können mit ihrem Geld direkt dazu beitragen, nachhaltige Wirkung zu entfalten – wirtschaftlich, ökologisch und gesellschaftlich. Brücken, Schienen und Schulen, die heute entstehen, sind langfristige Vermögenswerte, die künftigen Generationen wirtschaftlichen Erfolg erst ermöglichen. Gleichzeitig erhalten die Bürgerinnen und Bürger sichere Anlage- und Sparmöglichkeiten mit attraktiver Rendite. Ein weiterer Vorteil ist der vereinfachte Zugang zum Kapitalmarkt. Es wird immer wichtiger, dass möglichst viele Menschen diese Möglichkeiten für einen besseren Vermögensaufbau und die eigene Altersvorsorge, die der demografischen Entwicklung Rechnung trägt, nutzen.
Welche Bedeutung haben die Sparkassen bei der Umsetzung der geplanten Spar- und Investitionsunion?
In der SIU finden sich viele Anknüpfungspunkte zu dem, wofür Sparkassen schon lange stehen: Finanzbildung, langfristiger Vermögensaufbau und stabile Finanzierung. Wenn die Krisen der vergangenen Jahre eines gezeigt haben, dann dass Sparkassen ein stabilisierender Faktor für die Wirtschaft sind. Die Menschen vertrauen den Sparkassen. Bei der Mobilisierung privaten Kapitals sind unsere umfassende Beratungskompetenz, die enge Bindung zu unserer Kundschaft, unsere regionale Verankerung und unsere gesellschaftliche Verantwortung unverzichtbar. Die Sparkassen können daher eine Brücke schlagen zwischen dem Finanzierungsbedarf der Unternehmen und der Teilhabe möglichst vieler Menschen an einem nachhaltigen Wohlstand.
Der DSGV vertritt die Interessen der Sparkassen in Brüssel – zuweilen auch in Abgrenzung gegenüber den Interessen der europäischen Großbanken. Lassen sich die unterschiedlichen Positionen ins Gleichgewicht bringen?
Wir als Sparkassen-Finanzgruppe sind als Partner des deutschen Mittelstands ein entscheidender Baustein für Europas wirtschaftliche Stärke. Wir stehen für eine europäische Wirtschaft, die nicht nur zentral, sondern dezentral wächst. Investitionen müssen dort erfolgen, wo sie etwas bewirken: in den Unternehmen, den Kommunen, bei den Menschen, die den Wandel aktiv gestalten. Ziel der SIU muss es deshalb sein, sämtliche möglichen Investitionsquellen für eine nachhaltige Entwicklung zu nutzen und zu stärken. Das Vorhaben darf nicht unter dem Deckmantel einer großen Investitionsaufgabe zu Vorteilen einzelner Bankengruppen auf Kosten anderer führen. Wer versucht, die Diskussion für eine Schwächung funktionierender nationaler Sicherungssysteme zu nutzen, handelt nicht im Sinne der europäischen Wirtschaft und der Stabilität europäischer Gesellschaften. Die aktuellen Aufgaben, vor denen Europa steht, sind zu groß und zu wichtig, um alte Debatten aufzuwärmen.
An welchen Stellen müsste das Konzept Ihrer Meinung nach präzisiert oder geschärft werden?
Gute Aufsicht muss sich auch weiterhin eng an den nationalen Märkten orientieren, um nationalen Besonderheiten gerade für die europäische Wettbewerbsfähigkeit Rechnung zu tragen. Eine Ausweitung der Aufsichtsbefugnisse der europäischen Aufsichtsbehörden sehen wir daher kritisch. Auch auf die Einführung zusätzlicher bürokratischer Vorgaben wie zusätzlicher Tests und einer Ausweitung von Informationspflichten kann verzichtet werden, um zum Beispiel Kleinanleger nicht von Investitionen in Wertpapiere abzuschrecken.
Was sind in dem Zusammenhang Ihre wichtigsten Forderungen an Gesetzgeber und Regulatorik?
Wir brauchen mutige strukturelle Reformen zum Abbau unnötiger regulatorischer Anforderungen, die das Investieren mühsam und zeitaufwendig machen. Auch die Wahlmöglichkeit zwischen provisionsbasierten und kostenpflichtigen Beratungsmodellen muss erhalten bleiben. Gerade junge und unerfahrene Menschen brauchen Unterstützung durch persönliche Beratung. Ein Verbot bestimmter Formen der Anlageberatung würde der Idee der sozialen Teilhabe und dem Ziel, mehr Menschen für Kapitalanlagen zu gewinnen, widersprechen. Entscheidend wird auch sein, die Polarisierung von Ökologie und Ökonomie, die wir gerade erleben, zu überwinden. Beides gehört zusammen. Nachhaltige Investitionen in Klimaschutz oder Ressourceneffizienz sparen Kosten, verschaffen Wettbewerbsvorteile und erschließen neue Märkte. Gesetzgeber und Regulatorik müssen hier – nicht nur im Rahmen der SIU – die richtigen Weichen stellen, ohne die wirtschaftliche Dynamik durch überbordende Bürokratie abzuwürgen. Nicht zuletzt geht es um eine wirtschaftliche und damit strategische Souveränität Europas.
Frau Schriever, vielen Dank für das Gespräch!