{"id":8747,"date":"2022-05-06T07:02:42","date_gmt":"2022-05-06T05:02:42","guid":{"rendered":"https:\/\/im-auftrag-der-gesellschaft.de\/2022\/blog\/\/"},"modified":"2023-10-27T16:23:51","modified_gmt":"2023-10-27T14:23:51","slug":"circular-economy","status":"publish","type":"blog","link":"https:\/\/im-auftrag-der-gesellschaft.de\/2022\/themen\/circular-economy","title":{"rendered":"Nachhaltige Finanzprodukte in der Anlageberatung"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein klares Ziel der europ\u00e4ischen Politik: Im Rahmen des European Green Deal soll die Europ\u00e4ische Union ein nachhaltig wirtschaftender Wirtschaftsraum werden. Auf dem Weg dorthin kommt nachhaltigen Finanzprodukten in der Anlageberatung eine dynamisch wachsende Bedeutung zu.<\/p>\n<p>So schlie\u00dfen viele Richtlinien von Banken und Sparkassen aufgrund regulatorischer, politischer und gesellschaftlicher Anforderungen mittlerweile zahlreiche Unternehmen und Branchen aus, die beispielsweise nicht nachhaltige Produkte und Dienstleistungen anbieten, problematische Rohstoffe verwenden oder klimasch\u00e4dliche Produktionsverfahren einsetzen. Langj\u00e4hrige Erfahrungen zeigen, dass Anlageprodukte mit Nachhaltigkeitsmerkmalen nicht mit anderen Renditeerwartungen verbunden sind als nicht-nachhaltige Anlagen. Im Gegenteil: Unternehmen, die ihre Wirtschaftsweise bereits auf eine nachhaltige Produktion umgestellt haben, erzielen oft schon heute Markterfolge, die sich positiv auf ihre Ertragslage und ihre Zukunftsperspektiven auswirken.<\/p>\n<p><strong>Wie nachhaltig k\u00f6nnen Hersteller von R\u00fcstungsg\u00fctern sein?<\/strong><\/p>\n<p>Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen erscheinen aber pl\u00f6tzlich einige Branchen unter Renditegesichtspunkten wieder lukrativ, die bisher unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten nicht zu den gut bewerteten Wirtschaftszweigen geh\u00f6rten. Dazu geh\u00f6rt zum Beispiel die R\u00fcstungsindustrie. Unternehmen, die Waffen und Kriegsger\u00e4t herstellen, passen nach den g\u00e4ngigen Bewertungskriterien auf den ersten Blick kaum in ein nachhaltiges Anlageportfolio. Andererseits hat der Krieg in der Ukraine einerseits gezeigt, dass im Falle eines illegitimen Angriffskrieges Waffen zur Verteidigung eines Landes sehr wohl ben\u00f6tigt werden. Zum anderen zeigt sich, dass die M\u00e4rkte das Absatzpotenzial kriegerischer Auseinandersetzungen unsentimental sehr positiv einsch\u00e4tzen, was zu einer teilweise deutlichen Wertsteigerung von R\u00fcstungsaktien gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Auch wenn in vielen ESG-Richtlinien der Finanzdienstleister insbesondere Hersteller ge\u00e4chteter Waffen aus den Anlageportfolios ausgeschlossen werden, gibt es bereits vermehrt Stimmen, die das \u00dcberdenken der pauschalen Ausgrenzung von R\u00fcstungsunternehmen aus Nachhaltigkeitsportfolios fordern. Der Bundesverband der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie appellierte in der vergangenen Zeit wiederholt an die EU, den positiven Beitrag, den die Branche zur Stabilisierung demokratischer Gesellschaften leiste, anzuerkennen. Sicherheit sei die Mutter aller Nachhaltigkeit, lie\u00df der Verband in einem seiner \u00f6ffentlichen Statements verlauten und warnte vor massiven Finanzierungsproblemen der Branche aufgrund der EU-Taxonomie.<\/p>\n<p>Erste Finanzinstitute in Deutschland haben bereits ihre internen Nachhaltigkeitsrichtlinien so angepasst, dass ihre ESG-Fonds ausgew\u00e4hlte Investitionen in Hersteller von R\u00fcstungsg\u00fctern erm\u00f6glichen. Dies gilt zwar unmissverst\u00e4ndlich nicht f\u00fcr jedwede Form ge\u00e4chteter Waffen, doch auch in anderen L\u00e4ndern der EU und in der Schweiz gibt es Diskussionen dar\u00fcber, ob der R\u00fcstungsindustrie, zumindest so lange sie defensiv orientiert bleibe, nicht ein nachhaltiger Wert zugesprochen werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p><strong>Gef\u00e4hrden Kompromisse die Glaubw\u00fcrdigkeit der Nachhaltigkeitsidee?<\/strong><\/p>\n<p>Kernkraft ist ein weiteres Beispiel daf\u00fcr, wie vermeintlich klare politische Zielsetzungen, die von der Finanzindustrie in ihre Richtlinien f\u00fcr nachhaltige Finanzierungen und Anlagen aufgenommen werden, vor dem Hintergrund neuer politischer Diskussionen und Entscheidungen wieder in Frage gestellt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So entschied das Europ\u00e4ische Parlament im vergangenen Jahr, dass im Rahmen der sogenannten EU-Taxonomie einzelne Atomenergie- und Erdgasaktivit\u00e4ten unter bestimmten Voraussetzungen in die Liste der \u00f6kologisch nachhaltigen Wirtschaftst\u00e4tigkeiten aufgenommen werden k\u00f6nnen. Daf\u00fcr pl\u00e4diert hatten vor allem Frankreich, aber auch eine Reihe osteurop\u00e4ischer Staaten. An der Entscheidung gab es vor allem in Deutschland heftige Kritik: Die Zul\u00e4ssigkeit bestimmter Atomenergie- und Erdgasengagements und -Finanzierungen nach der EU-Umwelttaxonomie sei ein politischer Kompromiss, der gro\u00dfen Schaden f\u00fcr Nachhaltigkeitsfonds in Sachen Glaubw\u00fcrdigkeit angerichtet habe, r\u00fcgte etwa Roland K\u00f6lsch, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG).<\/p>\n<p><strong>Intergenerationale Verpflichtung<\/strong><\/p>\n<p>Die andauernden Diskussionen haben praktische Konsequenzen f\u00fcr die Anlageberatung. Kunden und Kundinnen w\u00fcnschen sich zu Recht eine zuverl\u00e4ssige und zukunftssichere Beratung. Doch wenn als fix geltende klare Definitionen und Grenzziehungen pl\u00f6tzlich ins Wanken geraten und Branchen, denen f\u00fcr die Zukunft nur eine eingeschr\u00e4nkte Finanzierbarkeit attestiert wurde, hohe Renditen abwerfen, dann sorgt das verst\u00e4ndlicherweise auch f\u00fcr Verunsicherung bei Anlegern und Verbrauchern. Nur eine Minderheit der deutschen Anleger und Anlegerinnen sch\u00e4tzt das eigene Wissen zum Thema Nachhaltigkeit als \u201esehr gut\u201c ein, hei\u00dft es zum Beispiel hierzu im aktuellen Verm\u00f6gensbarometer des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes.<\/p>\n<p>Kritik an den Unklarheiten und Aufweichungen der EU-Umwelttaxonomie gibt es auch aus der Sparkassen-Finanzgruppe. \u201eWir halten die Entscheidung, Investitionen in Atomenergie und fossiles Gas unter bestimmten Voraussetzungen zuzulassen, f\u00fcr falsch\u201c, sagt Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment. \u201eEines der Grundprinzipien der Nachhaltigkeit ist die intergenerationale Verpflichtung. Allein die ungel\u00f6ste Endlagerfrage bricht im Fall der Atomenergie mit diesem Grundsatz.\u201c<\/p>\n<p><strong>Transparenz plus Taxonomie<\/strong><\/p>\n<p>Wie also damit umgehen in der Anlageberatung? In der Sparkassen-Finanzgruppe setzt man vor allem auf Transparenz. In dieser Hinsicht spiele die EU-Taxonomie, trotz aller Diskussionen, eine wichtige Rolle: Sie erm\u00f6gliche Anlegern einen besseren Ein- und \u00dcberblick.\u00a0 \u201eDie Transformation hin zu einer CO2-armen Gesellschaft wird vorangetrieben durch weitere inhaltliche Erg\u00e4nzungen der Taxonomie\u201c, sagt Speich. \u201eEin breiteres Taxonomie-Verst\u00e4ndnis tr\u00e4gt dazu bei, dass zunehmend Investitionen in nachhaltige Branchen hineinflie\u00dfen und sich neue strukturell langfristige Bewertungen am Kapitalmarkt herausbilden. Die Geschwindigkeit der Transformation der Realwirtschaft wird letztlich so erh\u00f6ht werden.\u201c<\/p>\n<p>Das sieht Kevin Br\u00f6de, Leiter Nachhaltigkeit der F\u00f6rde Sparkasse, aus der Perspektive einer Sparkasse und ihrer Kundinnen und Kunde ganz \u00e4hnlich: \u201eDie Taxonomie bietet schlichtweg die erforderliche Orientierung und wird so \u00fcber kurz oder lang zu einer Lenkung der Kapitalfl\u00fcsse in nachhaltige Wirtschaftsaktivit\u00e4ten f\u00fchren. Die Aufnahme von Gas und Atomkraft ist aus Sicht der Nachhaltigkeit nat\u00fcrlich nicht zu begr\u00fc\u00dfen, sie d\u00fcrfte rein politisch motiviert sein. Aber aus vielen guten Gr\u00fcnden ist es besser, f\u00fcr die Zielerreichung eine Taxonomie mit M\u00e4ngeln zu haben, als gar kein Regelwerk.\u201c<\/p>\n<p>Br\u00f6de vermutet, dass der Gro\u00dfteil der Anlegerinnen und Anleger letztlich eher pers\u00f6nlichen Pr\u00e4ferenzen folge und nicht politischen Diskussionen. Aus diesem Grund k\u00f6nnen Kundinnen und Kunden der Sparkassen bei ihren Anlageentscheidungen aus einem breiten Angebot m\u00f6glicher Produkte w\u00e4hlen. \u201eDie Taxonomie verpflichtet ja schlussendlich keine Investorin und keinen Investor, in Atomkraft oder Gas zu investieren. Alle Klein- und Gro\u00dfanleger haben heute die M\u00f6glichkeit, diese Energietr\u00e4ger bei ihren Investments zu meiden. Ich gehe davon aus, dass dies viele Investorinnen und Investoren auch weiterhin tun werden.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":10621,"parent":0,"menu_order":3,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"","format":"standard","class_list":["post-8747","blog","type-blog","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/im-auftrag-der-gesellschaft.de\/2022\/wp-json\/wp\/v2\/blog\/8747","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/im-auftrag-der-gesellschaft.de\/2022\/wp-json\/wp\/v2\/blog"}],"about":[{"href":"https:\/\/im-auftrag-der-gesellschaft.de\/2022\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/im-auftrag-der-gesellschaft.de\/2022\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8747"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/im-auftrag-der-gesellschaft.de\/2022\/wp-json\/wp\/v2\/blog\/8747\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10677,"href":"https:\/\/im-auftrag-der-gesellschaft.de\/2022\/wp-json\/wp\/v2\/blog\/8747\/revisions\/10677"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/im-auftrag-der-gesellschaft.de\/2022\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10621"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/im-auftrag-der-gesellschaft.de\/2022\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8747"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}